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Dr. Herbert Grunau Seit einigen Jahren ernte ich zuverlässig Lacher, wenn ich davon berichte, dass wir uns damit beschäftigen, Seniorinnen und Senioren mit Computer und Internet vertraut zu machen. Intellektuell sonst ernstzunehmende Medienpädagogen winken grinsend ab und reden weiter über Jugendliche, selbst noch 64 Jährige schmunzeln überlegen, wenn von Senioren die Rede ist. Jeder will alt werden aber keiner alt sein. Sieg total für den mediengeleiteten Jugendwahn. Dabei weiß jeder, dass es ihn auch erwischt, aber keiner so genau, wann. Nach Definition des zuständigen Bundesministeriums für Frauen, Senioren, Familie und Jugend oder so ähnlich beginnt die Seniorenzeitrechnung mit 50 Jahren, im vielzitierten Volksmund galt bisher der Eintritt ins Rentenalter mit 65 als magische Schwelle. Wenn die Erhöhung der Bezugsgrenze seitens der Politik so weitergeht, "rentnert" es wohl bald erst mit 70. Da fallen dem alten Volksmund glatt die Zähne aus. Spätestens seit Schirrmachers "Methusalem Komplott" hat auch die Publizistik die von Soziologen schon lange angekündigte Altersentwicklung unserer Gesellschaft in breiter Öffentlichkeit diskutiert. Leidet verpuffte die Aufregung relativ schnell, bis auf Sonntagsreden weniger Politiker ist das Thema schon wieder out, ernsthafte Auseinandersetzungen mit Konsequenzen und das Aufgreifen von Detailproblemen fanden kaum statt. Das fängt schon damit an, dass selbst unter Wissenschaftlern die Stammtischperspektive der Altersdefinition nach fortschreitenden körperlichen und geistigen Einschränkungen dominiert, frei nach dem Motto: "Alte können und wollen nicht mehr". International ist man zumindest in der Interpretation der Ausgangslage weiter. Aus der Untersuchung der 50+ Generationen weiß man längst "Die Alten" gibt es nicht, Alt ist nicht gleich alt. Dieses Fazit ergibt sich auch aus verschiedenen Segmentierungs- und Typologiemodellen, die freilich zumeist unter dem Gesichtspunkt unterschiedlicher Konsum- und Freizeitgewohnheiten sowie nach Kaufkraft aufgestellt werden. Die Seniortypologie des Schweizer Dichter-Instituts versucht eine Differenzierung der Altersgruppe der 55 bis 75jährigen z.B. nach: Die Bayerische Rundfunkwerbung (vgl. KAYSER, 1996) unterteilt die für Werbung interessanten "jungen Alten", die etwa zwei Drittel der Zielgruppe umfassen in die Eine in den USA sehr verbreitete Studie der Grey Advertising definiert unter eindeutig nach Kaufkraft orientierten Gesichtspunkten folgende drei Typen, die je etwa ein Drittel der über 50jährigen ausmachen: Alle Modelle gehen davon aus, dass die bspw. in Deutschland gängige pauschalisierte Bewertung und Geringschätzung der Älteren nicht nur moralisch fragwürdig, sondern auch ökonomisch unsinnig sind. Solange sich aber Status und Bedeutung einer Person über deren Stellung in der Arbeitswelt definieren und die Firmen im Rausschmiss von über 50jährigen wetteifern, kann sich das in Deutschland kaum ändern. Übrigens wird diese Alten-Entsorgungsstrategie der deutschen Industrie von deren meist weit über 50 Jahre alten Managern betrieben… Aus dem Kaufkraftpotential der Älteren möchten viele schon gern schöpfen, aber nicht nur die Werbung weiß nicht wie. Wie soll man Ältere ansprechen, die jeden anderen für alt halten, nur nicht sich selbst? Gibt es außer bei Gesundheitsartikeln interessante Produkte für Menschen jenseits der 50? Ist es überhaupt sinnvoll spezielle Entwicklungen für Senioren anzubieten? Die Antwort auf diese Fragen lautet: Ja, Ja, Ja. Das zeigen internationale Erfahrungen, Beobachtungen des Alltags und vertiefte Befragungen der Zielgruppe. Und natürlich die ehrliche individuelle Selbstbetrachtung als Angehöriger der Zielgruppe. Allerdings weiß man tatsächlich viel zu wenig über die veränderten Bedürfnisse und Gewohnheiten Älterer. Was können z.B. Computer, Internet und IT- Anwendungen tatsächlich produktives für Menschen jenseits der 50 anbieten? Wir haben dies im Vorfeld der Entwicklung eines sog. Seniorencomputers in den Jahren 2001-2002 untersucht und bundesweit rund 200 Mitglieder aus über 20 Seniorencomputerclubs per Fragebogen und in Interviews befragt. Unseres Wissens nach ist dies immer noch die bisher umfassendste Untersuchung in diesem Zusammenhang. Die Auswertung der Befragungsergebnisse ergab folgende Auswahlpräferenzen beim Kauf von Hard- und Software: Fazit: Computerkundige ältere Nutzer entsprechen eigentlich dem medienpädagogischen Wunschbild und sind damit sowohl dem Markt als auch den Jugendlichen voraus! Wenn das Schule macht und sich die Anzahl der Computer kaufen wollenden Senioren massenhaft erhöht, hat dies notwendig Konsequenzen hin zu nutzerfreundlichen Computern, alltagstauglicherer Software und wahrhaft brauchbaren Anwendungen… Bei einer Computerausstattung in Seniorenhaushalten ab 60 Jahren von mittlerweile rund 30% ist natürlich noch der überwiegende Teil der Älteren potentiell für die neue Technik ansprechbar.
Dafür ist aber eine neue Art Medienpädagogik für Oma und Opa notwendig.
Einer höheren Verbreitung der Computertechnik im Alltag der Zielgruppe steht allerdings deren Mediennutzung scheinbar entgegen. Medienpädagogik für Senioren würde bedeuten: Computerspiele und Internet stehen im Zentrum einer handlungsorientierten Medienerziehung, die wiederum Unterhaltung und Spiel mit neuen Medien als Chance für Aktivität und spätes Lernen begreift. Als Ziel könnten dabei nicht nur medienkompetente Mitbürger sondern auch die Beeinflussung der Industrie zur Entwicklung senioren-spezifischer Anwendungen definiert werden. Ein medienpädagogisches Projekt dieser neuen Art und ein in dieser Form einmaliges Projekt in der Bundesrepublik Deutschland haben wir seit 1997 in Leipzig durchgeführt: Senioren @ns Netz (S@N): Jung trainiert Alt - generationenübergreifendes Lernen an Schulen. Ein Projekt des Verbandes Sächsischer Bildungsinstitute Leipzig e.V. 29 Prozent der SeniorInnen in Mitteldeutschland bekannten Ende der 90er Jahre bei einer Befragung Angst vor der Komplexität der Technik und lehnten die Nutzung eines Computers vor allem wegen fehlender interessierender Anwendungen ab. In den Schulen andererseits können besonders begabte Schüler und Schülerinnen im Fach Informatik nur unzureichend gefördert werden, wobei die Ausstattung mit Computerkabinetten in den letzten Jahren zugenommen hat. Daraus ergab sich für uns folgender Projektgedanke: Schülerinnen und Schüler unterrichten in den schulischen Computerkabinetten Ältere in der Beherrschung von Computer und Internet. Die teilnehmenden Senioren entrichten dafür einen Obolus an die Schulen. Von 1997 bis heute waren in Sachsen über 60 Gymnasien und rund 300 Schüler beteiligt, etwa 2500 Menschen 50+ wurden über die Kurse erreicht. Das Projekt wurde bundesweit an einigen Schulen z.B. in Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern übernommen. Untersuchungen der Teilnehmer ergaben durchweg positive Wirkungen des generationenübergreifendes Lernens auf Schüler und Schülerinnen: Sie bewährten sich als Lehrer, Wissensvermittler, Trainer und Berater, sie gewannen Selbstvertrauen und Achtung vor dem Alter und erwarben soziale Kompetenz für das Verstehen von Generationenproblemen. Bei den teilnehmenden Seniorinnen und Senioren erhöhten sich neben der Beherrschung der Technik generell zeitgemäße Kenntnisse, Fertigkeiten und Fähigkeiten (sprich Medienkompetenz) und eine positiv veränderte Einstellung zur Jugend. Erfolgserlebnisse stellten sich auch durch die Vermittlung von Lebens-, Berufs- und Arbeitserfahrungen in einer generationenübergreifende Kommunikation ein. Im Ergebnis der Aktion wurden in den letzten Jahren allein in Sachsen rund ein Dutzend Seniorencomputerclubs gegründet, darunter in Dresden mit über 100 Mitgliedern. Als ein nachprüfbares Beispiel sei hier der Senioren Internetclub Leipzig (www.sicl.de) angeführt, der 1998 aus Teilnehmern der ersten in Leipzig durchgeführten Kurse im Rahmen des S@N -Projektes hervorgegangen ist. Er führt seither einen wöchentlichen Erfahrungsaustausch und Beratung über Computer und Internet an der Universität Leipzig und ab 2004 im Zentrum für "Aktives Alter und neue Medien" sowie thematische Veranstaltungen, Diskussionsrunden, Surfen im Internet und ein wöchentliches Internetcafe für die Öffentlichkeit durch. Seine Mitglieder nahmen an Messen, Konferenzen und Tagungen sowie am Projekt "PC-Spiele für Senioren" und der Veröffentlichung einer Broschüre teil. Ansatz, Zielstellung, Verlauf und Ergebnisse dieses Leipziger Projekts "Computerspiele für Senioren" zeigen exemplarisch Möglichkeiten und Grenzen der sinnvollen Beschäftigung von Senioren mit diesem neuen Freizeitangebot auf. Wenn auch bisher bedingt durch die geringe Anzahl der getesteten Spiele und die sehr kurze Projektdauer nur grob konturierte Tendenzen benannt werden können, so ist doch eine sehr produktive Wechselbeziehung erkennbar: Lehnten zu Beginn die Senioren fast vollständig diese für Jugendlichen programmierten Softwareangebote ab, so entwickelten sie im Laufe des Projektes nicht nur eine beachtliche Kompetenz in dieser für sie neuen Erlebniswelt, sondern sie nutzten diese Beschäftigung auch, um im Laufe der Zeit verschüttet gegangene Spielfreude wieder zu entdecken und als beglückend zu empfinden. Neue Angebote und Kompetenz zur Bereicherung des Alltagslebens und zur Aktivierung verlorengeglaubter Persönlichkeitseigenschaften - etwas Besseres kann weder mit alten noch mit Neuen Medien erreicht werden! Selbstverständlich sehen die SeniorInnen die Spielangebote nach wie vor kritisch, aber differenzierter und vom Standpunkt der positiven Aufgeschlossenheit. Sie formulierten klare Erwartungen an die Produzenten dieser Software und sie sehen die großen Chancen dieser Computerspiele und der Edutainmentsoftware, die bei höherer Verbreitung und bei spezifischeren Angeboten für eine wesentliche Bereicherung des Alltagslebens der 50+ Generation beitragen können. Dabei standen vor allem die gemeinsamen neuen Erlebnismöglichkeiten von Großeltern und Enkeln durch Computerspiele und Lernsoftware im Mittelpunkt der positiven Aussagen und Wünsche. Es ist zu empfehlen, diese Sichtweise auch in die hoffentlich zu erwartenden Aktivitäten aus der im Koalitionsvertrag zwischen CDU und SPD formulierte Aufgabe zur Bekämpfung von Killerspielen einzubringen. Die Mehrheit der beschließenden Politiker und Abgeordneten könnten dies jedenfalls aus eigener Erfahrung beurteilen. Literatur
Hauptakteure: Medienpädagogische Projekte für Senioren
Einzelne Projekte von MSU
Projektunterlagen zum Downloaden Partner: SAW Zuletzt aktualisiert am 06.08.2006 |
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